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Schulische Leistungen zweisprachiger Kinder

Bildcopyright by Real Buried Treasure

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Die Behörde für Bildung und Sport in Hamburg hat eine Gruppe von 12 Frauen und Männern zum Thema „Spracherwerb zweisprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher“ recherchieren lassen.

Der Report (PDF) von 2002 ist in „Hochschulsprache“ und schwierig zu lesen, das Literaturverzeichnis umfasst eine schrecklich lange Liste mit 273 Einträgen zu Büchern, Forschungsarbeiten, Beobachtungsstudien und anderen Informationsquellen, aus denen das Wissen zusammengetragen wurde.

Was dort zu den schulischen Leistungen zweisprachiger Kinder herausgefunden wurde, hält etwas verständlicher formuliert für viele von euch interessante Erkenntnisse bereit…

Hier die wichtigsten Ergebnisse der umfangreichen Recherche in Bezug auf schulische Leistungen:

Einfluss der sozialen Herkunft der Kinder

Überrascht es, das ein höherer Anteil von Schülern oberer sozialer Schichten insgesamt das Leistungsniveau der Klasse anhebt? Eher nicht. Unser Gefühl wird durch Studien bestätigt. Unabhängig von ihrer sozialen Herkunft erreichen alle Kinder im Schnitt bessere Leistungen.

Einfluss mehrsprachiger Kinder in einer Klasse

Wie viele Schüler in einer Klasse mehrsprachig sind, hatte in den Untersuchungen keinen Einfluss auf die Leistungen der Klasse insgesamt.  Ob viele oder wenige mehrsprachige Kinder die Klasse füllten ist für das Niveau der Klasse irrelevant.

Ist Mehrsprachigkeit jetzt gut oder schlecht für die Klasse?

Kombiniert bedeuten die beiden obigen Erkenntnisse, das mehrsprachige Kinder aus sozial besseren Verhältnissen das Klassenniveau nach oben anheben. Mehrsprachige Kinder aus sozial schwacher Umgebung haben dagegen eine negative Wirkung auf das Klassenniveau. Die Mehrsprachigkeit selber ist neutral.

Einfluss der Klassengröße für mehrsprachige Kinder

Mehrsprachige Kinder (der Report bezeichnet sie hier als „Immigrantenschüler“) zeigen eine überraschende Reaktion auf die Klassengröße. In kleinen Klassen liegen ihre Leistungen besonders weit unter dem Niveau von „einheimischen“ Mitschülern. Je größer die Klasse ist, desto besser werden jedoch ihre Leistungen. Die Leistungen der einheimischen Mitschüler sind dagegen weitgehend unabhängig von der Klassengröße.

Sind große Klassen jetzt besser für mein Kind?

Die Untersuchungen gehen bei mehrsprachigen Schülern von einem „Migrationshintergrund“ aus. Es wird angenommen, das die deutsche Sprache der Migrationskinder schlechter entwickelt ist als die Familiensprache, mit der das Kind aufgewachsen ist.

Wenn ihr Kind bei der Einschulung die Familiensprache viel besser beherrscht als die Unterrichtssprache Deutsch, ja, es sogar Probleme hat sich auf deutsch auszudrücken, dann ist eine große Klasse von Vorteil für ihr Kind.

Sind die Deutschkenntnisse schwach weil ihr Kind die ersten Jahre im Ausland großgeworden ist, gilt es jetzt gezielt die deutsche Sprache zu fördern. Sonst zieht es die Sprachdefizite durch seine gesamte Schullaufbahn mit. Falls ihr Kind in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und mit schlechten Deutschkenntnissen eingeschult wird, dann rollen sie bitte eine Zeitung zusammen und schlagen sie sich damit vor die Stirn. (Ich bin sicher, dass keiner meiner Leser sich hier diesen Vorwurf machen muss und jetzt eine Zeitung sucht. Wer sich aktiv mit mehrsprachiger Erziehung beschäftigt und sein Kind fördert, dem bleibt diese Situation erspart.)

Einfluss der Primärsprache

Ich war überrascht. Dies hätte ich nicht erwartet. Es gibt „gute“ und „schlechte“ Primärsprachen in Bezug auf die schulischen Leistungen! Besonders groß waren die Unterschiede bei den Leistungen in Mathematik.

— Mit der Primärsprache Albanisch oder Italienisch schnitten die Kinder besonders schlecht ab.

–   Türkisch, Portugiesisch und Griechisch schnitten als Primärsprache ebenfalls schlecht ab.

0   Russisch als Primärsprache lag im Durchschnitt, also weder besonders negativ noch positiv.

+  Polnisch und Spanisch fielen positiv auf und erreichten überdurchschnittliche Werte.

Für alle, die sich nicht bei den „Gewinnern“ des Vergleichs wiedergefunden haben: Der Report geht von Kindern mit „Migrationshintergrund“ aus, in denen die Familiensprache die starke Sprache des Kindes ist und Deutschkenntnisse schlecht entwickelt sind. Wer sein Kind mehrsprachig aufwachsen lässt und wessen Nachwuchs bei der Einschulung unter anderem auch die deutsche Sprache altersgerecht beherrscht, hat mit dieser „Rangliste“ nichts zu tun.

Fazit der Studie

Persönliche Probleme mit der Zweisprachigkeit haben Ursachen im engeren oder weiteren sozialen Umfeld.

In einem der nächsten Beiträge beleuchte ich für euch noch den aktuellen Stand zum Thema „Zweisprachiger Schulunterricht“. Es geht dann um die Auswirkungen auf den Spracherwerb eures Kindes durch den Unterricht in mehreren Sprachen sowie nochmals um die Entwicklung der schulischen Leistungen im Vergleich zu einer einsprachigen Schule.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 10. Februar 2009 um 17:13 und abgelegt unter Sprachentwicklung. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

3 Kommentare über “Schulische Leistungen zweisprachiger Kinder”

  1. melanie schrieb:

    „Unabhängig von ihrer sozialen Herkunft erreichen alle Kinder im Schnitt bessere Leistungen.“

    So ein Dünnschiss ! Wer in Berlin lebt, kennt das Problem. Türken oder andere Nichtdeutsche leben in oft in Neukölln oder Kreuzberg oder im Wedding. In den Schulklassen wird überwiegend XYZ gesprochen, auf keinen Fall Deutsch. Deutsch spricht wohl nur der (überbezahlte) Lehrer.

    Es ist nun mal leider Fakt, dass die soziale Herkunft entscheident ist für die Aus und Weiterbildung der (mehrsprachigen ) Kinder.

    Wer einen universitären Hintergrund hat, wer über eine gute Ausbildung verfügt, will diese an seine Kinder weitergeben. Mehrsprachigkeit ist dabei von grossem Vorteil. Haben die Familien einen weniger gebildeten Hintergrund, wird auf Ausbildung der Kinder weniger Wert gelegt. Schliesslich kann Frau auch im liegenden Gewerbe problemlos 2.000 Euro pro Tag verdienen. ( wo ? unter Escort googlen )

    Oder der Mann geht schwarz als Koch arbeiten und die Familie bekommt ALG2. Diese Familien legen weit weniger Wert auf die Ausbildung.

    Am schlimmsten habe ich die deutschen Familien in Neukölln etc. in Erinnerung. Rauchen und Saufen und die wenigen Kinder lernen kaum noch Deutsch. Wo denn, wenn die grosse Mehrheit ausländisch spricht ?

    Und was macht die Elite ? Diese Kinder wachsen mehrheitlich zwei oder mehrsprachig auf und haben eigene Kinderplätze, abgeschottet von dem normalen Volk.

    Der Mittelstand muss oder sollte sich eigene Schulen suchen. Plätze oder Schulen wo mehrheitlich ausländisch gesprochen wird, sollten unbedingt gemieden werden. Hier werden ihre Kinder kriminalisiert.

  2. Annette schrieb:

    Hallo Melanie,

    du bläst in die falsche Richtung Dampf ab.

    lies nochmal was admin geschrieben hat:

    „Überrascht es, das ein höherer Anteil von Schülern oberer sozialer Schichten insgesamt das Leistungsniveau der Klasse anhebt? Eher nicht. Unser Gefühl wird durch Studien bestätigt. Unabhängig von ihrer sozialen Herkunft erreichen alle Kinder im Schnitt bessere Leistungen.“

    Das heißt doch, wenn ein hoher Anteil von Schülern aus der oberen Schicht kommt, sind alle Kinder der Klasse besser dran. Egal, aus welcher Schicht das einzelne Kind kommt.

    Ein sozial schwaches Kind in einer sozial starken Klasse hat demnach Vorteile von seiner Umgebung, während ein sozial starkes Kind in einer sozial schwachen Klasse runtergezogen wird.

    Das hätten wir auch „gefühlt“ gewusst. Steht auch da.

    LG, Annette

  3. Susanne schrieb:

    Kanada bestätigt die Ergebnisse. Kanada hat ein (viel!) höherer Anteil Migrantenfamilien und trotzdem sehr gute Pisa Noten erziehlt(3. Platz Weltweit). Nur in Kanada und Australien haben Kinder mit Migrantenhintergrund gleich Ergebnisse als ‚Einsprachige‘ Kinder erreicht. Was in Kanada Alltags betrachtet wird (in Schulen mehr als die Hälfte der Kinder mit Migratenhintergrund) wird in Deutschland als Problem bezeichnet. Warum?

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