mehrsprachig Aufwachsen

ein Blog für mehrsprachig erziehende Eltern

Gehirnforschung – die ersten 3 Jahre des Wachstums

© by Qole Pejorian

Bildcopyright by Qole Pejorian

Die Gehirnforschung sagt uns: „Entscheidend ist wann wir lernen, denn das Gehirn entwickelt sich in zeitlich begrenzten Schüben.“

Von Sprachspezialisten wie Dr. Monika Springer-Geldmacher oder Martin R. Textor, welche die Gehirnentwicklung bei Babys und Kleinkindern in Bezug auf das Sprachenlernen untersucht haben, lesen wir folgendes:

„So genannte Entwicklungsfenster bestimmen, welche Fähigkeiten ein Kind wann erlangt. Die optimalen Lernphasen enden sehr früh. Nach drei Jahren endet der erste Entwicklungsschub, der zweite kurz vor der Pubertät.
Das Sprachenfenster ist in der Regel dann schon zugefallen, wenn Schüler/innen normalerweise eine Fremdsprache zu lernen beginnen. Für das Erlernen der Alltagssprache existiert ein Zeitfenster ab dem Alter von drei Jahren. Auch eine Zweitsprache kann dann leicht erlernt werden.“ [Springer-Geldmacher]

„Deshalb kann ab dem Schulalter, insbesondere ab der Pubertät, eine neue Sprache nicht mehr perfekt erlernt werden.“ [Textor]

Hmmm. Das „Sprachfenster“ macht also sehr früh dicht. Aber wann sollte denn ein „Kindergehirn“ Sprachen lernen?

„Entscheidend für die Zukunft eines Kindes ist also, was es in den ersten Jahren erlebt. Verpasste Momente für den Spracherwerb oder für feinmotorische Bewegungen lassen sich nie wieder nachholen.“ [Springer-Geldmacher]

„Das Gehirn hat eine bestimmte Struktur ausgebildet, von deren Art abhängt, in welchen Bereichen das Lernen leichter oder schwerer fällt. Ist z.B. ein Kind bilingual aufgewachsen, eignet es sich schneller eine dritte oder vierte Sprache an; hat es bereits im Kleinkindalter musiziert, wird es eher im Musikunterricht brillieren.“ [Textor]

Wer wissen will wie das Gehirn bei seinem Nachwuchs „funktioniert“ und warum an den zitierten Fakten auch kein noch so guter Lehrer in der (Sprach-)Schule mehr rütteln kann (das Sprachfenster ist dann schon zu!) liest weiter…

So sieht das Gehirn bei uns Erwachsenen aus

Ein Netzwerk mit etwa 100 Milliarden Nervenzellen, die durch etwa 100 Billionen Synapsen miteinander verbunden sind. Im Schnitt ist jede Nervenzelle mit etwa 1000 anderen Nervenzellen verbunden und kann von jeder anderen (etwa 99.999.999.999 Stück) Nervenzelle über maximal vier Verbindungen erreicht werden.
Dieses „Netzwerk“ wiegt ca. 1,3 Kilo und passt ab Nase aufwärts in unseren Kopf.

Aber jetzt kommt es:

Dieses gigantische Zahlenwerk an Verbindungen zwischen den Nervenzellen ist nur ein Mittelwert. Die Größe des „Netzwerks“ weicht laut Gehirnforschung stark von einer Person zur anderen ab. Verantwortlich für das Gehirnwachstum ist das richtige Lernen innerhalb der biologisch vorgegebenen Zeitfenster!

Gehirn nach der Geburt – die Wachstumsphase

Das Gehirn eines Neugeborenen wiegt bei der Geburt etwa 250 Gramm, mit 12 Monaten bereits 750 Gramm und besitzt im fünften Lebensjahr bereits sein volles Gewicht von etwa 1300 Gramm. Was hier wächst ist nicht die Anzahl der Nervenzellen. Die sind zwar anfangs noch klein, aber schon alle da. Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen stellen jedoch bei der Geburt nur ein Grundgerüst zur Verfügung, welches das Überleben des Kindes sichern soll. So fängt das Kind selbständig an zu schreien, wenn es Hunger hat. Fähigkeiten wie diese wurden nicht gelernt sondern sind Bestandteil der Basisausstattung.

In den ersten drei Jahren wächst nun die Vernetzung der Nervenzellen untereinander in einem irren Tempo. Mit 2 Jahren hat es die Anzahl der Synapsen bereits verdoppelt und ist auf dem Entwicklungsstand eines Erwachsenen (ca. 100 Billionen), mit 3 Jahren hat sich die Anzahl der Verbindungen bereits vervierfacht (und baut dann bis zur Pubertät wieder Verbindungen ab).

Die verschiedenen Bereiche des Gehirns übernehmen dabei jeweils einen Aufgabenbereich. So wie es einen Bereich im Gehirn gibt, der sich um die Bewegungen (Motorik) kümmert, gibt es andere Bereiche, die Wahrnehmungen (Sehen, Riechen…), logisches Denken oder Sprechen übernehmen.

Jedes Entdecken, Erleben und Lernen erzeugt in den ersten drei Jahren neue Verbindungen im Überfluss. Dabei folgt die Entwicklung einem biologischen Zeitplan.

Der Zeitplan für den motorischen Bereich des Gehirns beinhaltet unter anderem folgenden Ablauf: Unser Kind lernt Stück für Stück, dass es Hände besitzt, diese beim Krabbeln vorteilhaft einsetzten kann und schließlich in der Lage ist, mit einer Hand einen Trinkbecher zu halten. Schubweise wachsen hier Verbindungen zwischen den Nervenzellen im motorischen Bereich des Gehirns mit.

Bei allen Gehirnbereichen läuft es nach dem gleichen Muster. In Schüben wird etwas neues gelernt und der entsprechende Bereich im Gehirn „wächst“.

Die Sprachentwicklung hat im Vergleich zu anderen Bereichen wie der Motorik jedoch einen entscheidenden Nachteil!

Ein Kind, das nicht zum richtigen Zeitabschnitt zu motorischen Entwicklungsschritten (auf den Bauch drehen, Krabbeln, Stehen, Laufen) motiviert wird, wird diese Entwicklung auch ohne fremde Hilfe schaffen. Es bringt sich viele Fähigkeiten sozusagen selbst bei. Der zuständige Gehirnbereich wächst dann mit dem inneren Drang des Kindes sich zu entwickeln und neues zu entdecken.

Beim Erlernen der Sprache ist unser Kind jedoch auf sich alleine gestellt aufgeschmissen. Wenn die Lernimpulse nicht von außen, also von uns Eltern kommen, hat der Sprachbereich unseres Kindes keine Chance sich zu entwickeln. Unser Kind ist, was das erlernen von Sprache(n) angeht, vollkommen von uns abhängig! Redet niemand mit dem Kind, dann entwickeln sich auch seine Sprachkenntnisse nicht.

Der Sprachbereich des Gehirns hat ein zeitlich begrenztes, riesiges Potential zu wachsen. Seine Zeit ist jetzt. Wir erinnern uns:

„Das Sprachenfenster ist in der Regel dann schon zugefallen, wenn Schüler/innen normalerweise eine Fremdsprache zu lernen beginnen.“ [Springer-Geldmacher]

Deshalb ist gezielte Sprachförderung in den ersten Jahren so wichtig. Und unser Kind wird durch die zeitlich begrenzte, immense Wachstumsphase seines Gehirns auch „spielend“ mit mehr als einer Sprache fertig.

Wie unser Kind im zweiten Lernfenster zwischen dem 3. und 7. Lebensjahr lernt erfahrt ihr im zweiten Teil der Artikelserie „Gehirnforschung“.

Be Sociable, Share!

Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 8. Januar 2009 um 12:19 und abgelegt unter Sprachentwicklung. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

2 Kommentare über “Gehirnforschung – die ersten 3 Jahre des Wachstums”

  1. Britt schrieb:

    Wow, echt interessant, gut das mit dem Zeitfenster zu wissen… Danke!

  2. Andrea schrieb:

    Ich habe eben den oberen Artikel gelesen, bin ich sprachlos geworden. Es ist wirklich sehr interessant! Gut geschrieben und geklärht!

Kommentar schreiben