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Gehirnforschung – das Alter von 3 bis 7

Bildcopyright by nowviskie

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Willkommen zum zweiten Teil von „Gehirnforschung“.

Der erste Teil hat den Zeitraum bis zum dritten Lebensjahr erklärt.
In den ersten drei Lebensjahren gilt es, den Sprachbereich des Gehirns zu fördern und dadurch „wachsen“ zu lassen. Lässt man dieses „Lernfenster“ ungenuzt verstreichen, lässt sich der „Aufbau“ des Sprachzentrums im Gehirn nie wieder in dem Maße fördern.

Jetzt schauen wir uns das „zweite Lernfenster“ für das Gehirn in Bezug auf „Sprache(n) lernen“ an.
Das zweite Lernfenster reicht vom 3. bis 7. Lebensjahr. Hier werden die bis dahin gebildeten Gehirnstrukturen bereits wieder abgebaut und es bleibt nur bestehen, was aktiv genutzt wird.

Es ist traurig – aber wahr. Das Gehirn baut schon nach dem 3. Lebensjahr seine Gehirnstrukturen wieder ab. Bis zur Pubertät verkümmert etwa die Hälfte des gigantischen Netzwerkes in unserem Kopf. Alles, was nicht gebraucht wird, wird eliminiert. Nur die genutzten Kenntnisse und Erfahrungen werden verstärkt und bleiben bestehen. Und wir Erwachsene müssen mit dem „Rest“ an Gehirnstrukturen, der nach dieser Abbauphase übrig bleibt, durch das weitere Leben gehen

In der Gehirnforschung findet man in Bezug auf das Erlernen von Sprache wiederholt die gleichen Aussagen. Vertretungsweise kommen auch hier für das zweite Sprachfenster von 3-7 Jahren wie im ersten Teil Dr. Monika Springer-Geldmacher und Dr. Martin R. Textor zu Wort:

„Beispielsweise dauert die „sensible Phase“ für den Spracherwerb bis zum 6. oder 7. Lebensjahr. Das Baby kann schon alle Laute jeder Sprache dieser Welt unterscheiden, das Kleinkind alle Phoneme korrekt nachsprechen. Innerhalb weniger Lebensjahre werden aber die Synapsen eliminiert, die diese Leistung ermöglichen, aber nicht benötigt werden, da sich das Kind in der Regel ja nur eine Sprache mit einer sehr begrenzten Zahl von Phonemen aneignet.“ [Textor]

„… ist die zweite Phase der Hirnentwicklung wichtig. Diese geschieht etwa im Zeitraum zwischen dem dritten und dem siebten Lebensjahr. Dann nämlich wird im Kopf „sortiert”: Viele genutzte Nervenverbindungen verstärken sich, doch nur diejenigen, die aktiv gebraucht werden, bleiben. Die weniger genutzten Verbindungen verkümmern.“ [Springer-Geldmacher]

Ein Kind in Deutschland lernt oft erst in der Schule eine zweite Sprache. Einige Kinder bereits „sehr früh“ in der Grundschule im Alter zwischen 6-9 Jahren. Dann ist das biologische Zeitfenster für das Erlernen von Sprachen aber nicht mehr weit offen, sondern steht nur noch auf Kipp. Viele Kinder werden erst im 5. Schuljahr mit etwa 10 Jahren mit ihrer ersten Zweitsprache konfrontiert. Dann ist das Sprachfenster bereits endgültig zu! Und eine zweite Fremdsprache wie Französisch pauken sie erst nach ihrer Pubertät.

Biologisch gesehen ist das ein großer Unsinn. Denn was tut unser deutsches Schulsystem? In bereits abgebaute Gehirnstrukturen wird viel zu spät etwas hineingepaukt. Es ist aus Sicht der Gehirnforschung schlicht „zu spät“.

„Deshalb kann ab dem Schulalter, insbesondere ab der Pubertät, eine neue Sprache nicht mehr perfekt erlernt werden.“ [Textor]

Aber es kommt noch schlimmer. Was ist, wenn wir Eltern nicht bereits im ersten Sprachlernfenster bis zum 3. Jahr hilfreich unterstützt haben? Dann sind die Sprachstrukturen im Gehirn zum Zeitpunkt der Pubertät bereits in einem Zustand, mit dem ein Gebrauchtwagen nicht mehr mängelfrei durch den TÜV kommt. Es ist traurig, das einige Erwachsene trotz mehr als 4 Jahren Englischunterricht während ihrer Schulzeit heute kaum mehr als eine Begrüßung zusammenstammeln. Und sie können noch nicht einmal etwas dafür!

Was können unsere Schulen tun?
Unsere Schulen sehen, das sie im Vergleich mit einigen anderen Ländern schlecht dastehen. Sie reagieren, in dem sie mehr Stoff in straffe Lehrpläne packen. Ergebnis: im Vergleich nicht gut. Dann wird alles auf mehr Kreativität und Freiraum umgestellt. Ergebnis: im Vergleich immer noch nicht gut. Und im bekannten Schweinezyklus kippt die Lehrplanumstellung alle paar Jahre hin und her. Wenn das eine nicht gute Ergebnisse liefert, dann muss es ja das Gegenteil davon tun.

In Belgien oder der Schweiz gibt es viele Erwachsene, die Akzentfrei mehr als eine Sprache beherrschen. Warum klappt es da? Das deutsche Schulsystem vergleicht die Lehrpläne und ist ratlos. Ist es wirklich so schwer herauszubekommen, warum diese Länder so erfolgreich mit Sprachen umgehen? Sie nutzen intensiv das erste Lernfenster bis zum 3. Jahr und das zweite Lernfenster zwischen 3. und 7. Lebensjahr zum Sprachen lernen!
Für viele Menschen in diesen Ländern ist Aufgrund ihrer besonderen geografischen Situation die Mehrsprachigkeit im Alltag und im Beruf absolut notwendig. Die Eltern sind oft mehrsprachig, so dass sich bei den Kindern im ersten Lernfenster durch die Stimulation mit mehreren Sprachen eine hervorragende Gehirnentwicklung des Sprachbereichs bildet. Ab dem 3. Jahr sorgt neben der Familie der mehrsprachige Alltag dafür, das der Sprachbereich seine Strukturen gut festigen kann. Im Kindergarten, beim Babysitter, im Spiel mit anderen Kindern, beim Wochenendausflug… Mehrsprachigkeit ist Alltag.
Erwarten wir lieber nicht, das das deutsche Schulsystem damit konkurieren könnte. Schon gar nicht nach Ablauf des zweiten Zeitfensters für den Spracherwerb, wie es das heute tut. Die Zeiträume zum Sprachen lernen sind biologisch vorgegeben. Kein Schulsystem und keine Gesetzgebung kann daran rütteln. Werden die beiden Zeitfenster des Spracherwerbs aktiv genutzt, geht das Lernen einer zweiten oder dritten Sprache unter ganz anderen Bedingungen in´s Rennen.

Was können wir tun?
Wir können unser Kind intensiv fördern in dem wir das tun, was in Ländern wie Belgien oder der Schweiz Alltag ist.

1. Lernfenster (bis 3. Jahr)
Die Stimulation mit mehr als einer Sprache im ersten Lernfenster bis zum 3. Jahr.
Hierdurch wird das Sprachzentrum im Gehirn zu stärkerem Wachstum angeregt. Dies geht nur hier. Unwiederholbar! Mehrsprachige Eltern haben es einfacher, andere behelfen sich mit Hörbüchern in mehreren Sprachen (TV ist nicht so gut, denn es spricht viel mehr die Augen als die Ohren an).

2. Lernfenster (3-7. Jahr)
Gelegenheiten suchen oder schaffen, so das das Kind mehr als eine Sprache im Alltag verwenden kann. Hierdurch wird das Sprachzentrum gestärkt und gefestigt. Sprachgefühl (sie „fühlen“ wie etwas ausgesprochen wird oder welcher Artikel der Richtige sein „muss“ – ganz ohne Regeln) und Akzentfreiheit können nur in diesem Zeitraum vermittelt werden. Unwiederholbar!

„Sprechen Sie viel mit ihm, singen Sie ihm vor, umgeben Sie es mit Sprache.“ [Textor]

Wir Eltern hier in Deutschland müssen Mehrsprachigkeit selbst in die Hand nehmen. Sehr früh.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 19. Januar 2009 um 12:15 und abgelegt unter Sprachentwicklung. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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