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Mehrsprachige Erziehung – Strategien Teil 2

Bild-Copyright by cesarastudillo

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Welche Strategien für mehrsprachige Kindererziehung gibt es und was gilt es zu beachten?

Im ersten Teil habe ich euch bereits die drei in der Praxis am meisten bewährten Strategien vorgestellt. Nun bleibt noch eine Vorstellung von Strategien, die sich nur bei wenigen von euch fest im Alltag etablieren lassen. Aber vielleicht ist einer dieser Wege ja auch genau der Richtige für euch. Entscheidet selbst.

eine Sprache zu einer Zeit
Ihr nutzt eine Sprache zu einer bestimmten Zeit, z.B. ab dem Zeitpunkt, an dem der Vater abends von der Arbeit kommt.

Kurze Checkliste, ob diese Strategie bei euch erfolgreich sein wird:
– euer Tagesablauf fährt auf festen Schienen. Nahezu täglich passiert bei euch vormittags, nachmittags und abends das gleiche
– es gibt einen triftigen Grund, warum ihr nicht eine der sicheren Strategien wählt

Ein möglicher Tagesablauf mit Sprachwechseln kann so aussehen: Vormittags wird eine Sprache durch die Tagesmutter oder der Kindergarten gefördert. Die Mutter holt ihr Kind in dieser Sprache ab und lässt sich das erlebte auch in dieser Sprache erzählen. Danach wird bis zum Eintreffen des Vaters die zweite Sprache gesprochen. Abends schaltet man gemeinsam wieder in die erste Sprache. (Dieses Beispiel soll euch nur ein Gefühl führ diese Strategie geben, mehr nicht)
Diese Strategie baut auf einen immer wiederkehrenden Tagesablauf auf. Wird das Kind über mehrere Wochen nicht mit beiden Sprachen konfrontiert, wird es die schwächere Sprache schnell ablehnen. Die Gefahr ist hoch, das ihr euch mit gutem Vorsatz für diese Strategie entscheidet, sie aber nicht über mehrere Jahre durchziehen könnt.

eine Sprache an einem Ort

Ihr bindet eine Sprache an einen Ort, den ihr regelmäßig besucht. Gesprochen wird jeweils ausschließlich die Ortssprache.

Kurze Checkliste, ob diese Strategie bei euch erfolgreich sein wird:
– eure Ortswechsel sind über einen langen Zeitraum recht stabil und vorhersehbar

Es gibt zwei Varianten, in denen sich diese Strategie bewährt hat. Die erste Variante: sehr kurze Ortswechsel im Stunden- oder Tagesbereich. Eine Familie die wöchentlich aus beruflichen oder familiären Gründen zwischen zwei Orten pendelt und dort jeweils ausschließlich eine Sprache spricht, hat gute Erfolgsaussichten mit dieser Strategie.
Die zweite Variante betrifft lange Ortswechsel im Wochen- oder Monatsbereich. Wer im Sommer in Deutschland bleibt und den Winter über in einer “zweiten Heimat”, wird auch mit dieser Strategie glücklich. Oder wer jährlich über einen längeren Zeitraum die Familie im Ausland besucht.
Wichtig ist die Regelmäßigkeit, mit der zwischen den Sprachen gewechselt wird. Diese Strategie muss wirklich zu eurem Lebensstiel passen, sonst ist sie unbrauchbar.

Was ist mit mehr als zwei Sprachen?

Wer mehr als zwei Sprachen an seine Kinder weitergeben will, mischt mehrere Strategien passend zur eigenen Situation.
Die möglichen erfolgreichen Strategiekombinationen mehrsprachiger Spracherziehung sind weit Vielfältiger als es bei einer bilingualen Erziehung der Fall ist. Gute Ergebnisse in Bezug auf euer Nervenkostüm und das Sprachniveau eurer Kinder erreicht ihr dadurch, eure Spracherziehung anfangs von der Umgebungssprache zu trennen. Es werden meist in den ersten Jahren bis zum Kindergartenalter zwei landesfremde Sprachen vermittelt. Danach erhält mit dem Kindergarten die Umgebungssprache Einzug in das Kinderleben. Eine solche zweistufige Aufteilung gehört zu den einfachsten und erfolgversprechendsten. Eine dritte Stufe kann während der ersten Schuljahre gezündet werden. Hier ist jedoch die Unterstützung der Schule notwendig, eine weitere Sprache nicht nur zu unterrichten sondern auch in der neuen Sprache zu unterrichten. Dazu später einmal mehr.

Wie immer ihr eure Kindererziehung auch angeht, lasst von euch hören und schreibt in einem Kommentar eure Gedanken und Umsetzungen zum Thema!

Rainer

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 5. November 2008 um 09:06 und abgelegt unter Grundlagen. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

7 Kommentare über “Mehrsprachige Erziehung – Strategien Teil 2”

  1. MM schrieb:

    Hallo, ich habe gerade diesen Blog entdeckt und bin recht angetan davon :-)!

    Etwas merkwürdig finde ich aber bei der Bewertung der verschiedenen Strategien der Mehrsprachigkeit, dass ein bisschen so getan wird, als gebe es drei „gute“, „sichere“ (Teil 1) und der Rest (in Teil 2) seien eher eine Art „Notlösungen“, wenn nix andrese geht. So kommt es für mich jedenfalls ein bisschen rüber… :-/
    Manche Expert/inn/en wie z.B. Elke Montanari sehen das ja ducrhaus nicht sooo negativ/skeptisch, wenn man die Sprachen je nach Tageszeit/Situation wechselt. Sie gehen davon aus, dass es zu der jeweiligen Familie und ihrer Konstellation passen muss, und „Sprachinseln“ können da z.B. ein wichtiger Bestandteil sein.

    Ich fände es sehr gut, wenn in diesem Blog auch das Thema „selber zweisprachig“ Eingang finden könnte – d.a. wenn man selbst als Elternteil bereits zweisprachig ist! Das ist z.B. mein Fall und ich bin bestimmt nicht die einzige (ausserdem werden die ganzen Kinder, die jetzt mehrsprachig aufwachsen, einmal in derselben Situation sein). Da kommt man mit dem vielgerühmten OPOL ja nicht mehr weiter!

    Ich meine, wenn ich zweisprachig bin, habe ich ZWEI Sprachen und kann schlecht mit meinen Kindern nur eine sprechen. Zumindest ich kann mir das nicht vorstellen, es wäre total „künstlich“! Beide Sprachen gehören zu mir, sind ein Teil von mir. Und ich will sie meinen Kindern weitergeben. Nur ist immer die Frage, wann welche Sprache sprechen. Bei uns ist es v.a. die Methode „je nach Situation bzw. Ort“ – es gibt bestimmte Situationen bzw. Orte, die mit der deutschen Sprache gekoppelt sind. Andere wieder mit der tschechischen. Da wir aber in Tschechien leben, ist das Tschechische bei den Kindern stärker und ich überlege, wie ich gezielt die deutsche Sprache stärken kann. DVDs, Bücher usw. haber wir; etwas schwierig ist es, hier Muttersprachler/innen zu finden, die mit ihnen Deutsch sprechen könnten, damit nicht nur ich es bin, die immer damit ankommt… 😉

    Über einen Austausch hierzu würde ich mich freuen! Gruss, Miriam

  2. admin schrieb:

    Hallo Miriam,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Ohne dein Feedback wäre ich nicht darauf gekommen, das die Informationen „anders rüberkommen“ als gedacht.

    Die Strategien im Teil 2 sind keine Notlösungen! Es gab 2 Gründe für den Zweiteiler:

    Erster Grund: mir war der Text zu allen Strategien auf einmal schlicht viel zu lang für einen einzelnen Blogeintrag.

    Zweiter Grund: Strategien, die Aufgrund der Familiensituationen in Deutschland weniger oft gelebt werden, sind in den Teil 2 gewandert. Sie kommen einfach seltener vor.

    OPOL können viele mehrsprachig erziehende Familien für sich nutzen. Eine Strategie wie „Eine Sprache an einem Ort“ kommt vergleichsweise nur für wenige in Frage.

    Aber wer beruflich wochenweise zwischen Bonn und Berlin pendelt oder wer als Stätter seine Wochenenden auf dem Land verbringt, für den ist die Idee sogar naheliegend, die Sprache an einen Ort zu koppeln.

    Auch für Berufe mit viel Reisetätigkeit wäre eine Aufteilung „eine Sprache zu Hause, die zweite Sprache auf Reisen“ sinvoll.

    Wer als Erziehender selbst mehrsprachig ist (wie in deiner Situation) oder von Anfang an mehr als zwei Sprachen unterstützen möchte, für den ist oft nur eine Kombination von zwei oder mehr Strategien sinnvoll.

    Das Kind sollte jedoch, egal wie man vorgeht, nachvollziehen können wann welche Sprache gesprochen wird.

    Gruss, Rainer

    ps: Miriam, Danke nochmal für deine Sicht auf die Dinge!

  3. filiz dadandi schrieb:

    Hallo,

    habe durch die Sprachmaeuse dieses Blog entdeckt und finde es wirklich hilfreich. Vor allem nachdem ich zuerst Gehirnforschung Teil 1 und 2 gelesen habe und nun Miriam’s Beitrag. Ich spreche Deutsch mit meinem 2 Jaehrigen Sohn und Türkisch ist die Familien und Umgebungssprache. Nachdem ich Gehirnforschung Teil 1 und 2 gelesen habe denke ich mir jetzt nun auch English irgendwo einzusetzen. Obwohl Englisch eher meine schwache sprache ist, nur damit er schon eine gewisse Basis hat (bevor sich die Fenster schlissen… :)).Ich weiss nicht ob es genügen würde an den Wochenenden mit ihm 1 Stunde English zulesen. Vielleicht kannst Du mir ja einen Tip geben. 🙂

  4. admin schrieb:

    Hi Filiz,

    mein Tipp sind Hörbücher für Kinder.

    Beim Fernsehen (DVDs) ist der visuelle Teil viel zu stark. Es ist Kleinkindern einfach egal, ob sie Schwammkopf in Englisch oder Portugisisch sehen – probiers aus. Es ist ihnen wurscht.

    Und bei CDs mit Kinderliedern hast du zwar eine hohe Motivation bei den Kurzen, aber wiederum nicht so viel Wirkung wie mit Hörbüchern.

    Grüße, Rainer

  5. Martina schrieb:

    Miriam,
    Bei uns schaffen sich die Kinder selber „Sprachinseln“. Wenn meine Tochter mit ihren Puppen Kinderkrippe spielt, spricht sie ausschließlich Dänisch, obwohl wir zuhause sonst alle Deutsch sprechen. (Wir sind Deutsch, die seit vielen Jahren in Dänemarki leben.) Sie spielt natürlich das nach, was sie selbst tagsüber erlebt, und das ist eben auf Dänisch. Wenn mein Mann oder ich mitspielen, sagt unsere Tochter sehr bestimmt „Sprich nu Dänisch!!“ (Sie ist 2 1/2)
    Viele Grüße aus Dänemark
    Martina

  6. Sylvia schrieb:

    Mein Mann lernt seit Februar intensiv deutsch, hat jetzt die Stufe B1 erreicht. Sein Sohn spricht fließend deutsch und spanisch. Ich spreche ein wenig spanisch, verstehe natürlich besser als ich spreche. Mein Mann und sein Sohn tauschen sich oft in spanisch aus. Für mich ist es normal, dass die Sprache der beiden spanisch ist. Außerdem ist es für meinen Mann auch hilfreich, wenn er auch mal in seiner Sprache sprechen kann. In meiner Familie ergibt sich jedoch dadurch ziemliches Konfliktpotential, weil die anderen es als unhöflich empfinden, dass die beiden miteinander in einer Sprache sprechen, die sie nicht verstehen. Wie könnten wir besser mit dieser Situation umgehen?

  7. Rainer schrieb:

    Zwei unterhalten sich in ihrer Muttersprache und Außenstehende finden das unhöflich. Kann man diesen Konflikt überhaupt auflösen?

    Ich denke die Situation ist umso entspannter, wenn Außenstehende selbst Fremdsprachenkenntnisse besitzen oder diese zumindest als Wert schätzen.

    Einem Umfeld, das einsprachig aufgewachsen ist und andere Sprachen als lästig oder „unhöflich“ ablehnt, kann man sich ein Stück weit anpassen. Aber wenn jemand verlangen würde, dass die beiden nicht in ihrer Muttersprache miteinander reden sollen, fände ich das „unhöflich“.

    Man kann es halt nicht immer allen recht machen.

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