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Mehrsprachige Erziehung – Strategien Teil 1

Kinder lieben mehrsprachige Geschichten!

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Welche Strategien für mehrsprachige Kindererziehung gibt es und was gilt es zu beachten?
Auch wenn die Umstände in jeder Familie anders sind, haben sich einige Strategien in einer dazu passenden Familiensituation häufiger bewährt als andere.

Gemeinsam ist allen Strategien, dass sie unserem Kind mit der Zeit vermitteln, wo eine Sprache aufhört und die andere Sprache anfängt. Diese Grenze ist für die saubere Sprachentwicklung sehr wichtig. Nehmen wir an, beide Eltern dreschen im wilden Wechsel mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Sprachen auf ihr Kind ein. Bei dieser Strategie wäre es ratsam, zeitgleich schon mal nach Sprachtherapeuten zu googlen.

Welche bewährten Strategien gibt es denn?



Eine Person, eine Sprache

Fangen wir mit der bekanntesten an – „eine Person, eine Sprache“. Von Sprachwissenschaftlern intensiv untersucht und bei binationalen Eltern mit unterschiedlicher Muttersprache oft empfohlen.

Kurze Checkliste, ob diese Strategie bei euch erfolgreich sein wird:
– Vater und Mutter haben verschiedene Muttersprachen und diese soll das Kind beide lernen
– Beide Eltern verbringen in der Regel mehrere Stunden täglich mit dem Kind, so dass es mit beiden Sprachen regelmäßig konfrontiert wird

Bei kleinen Kindern lässt sich durch die geschickte Auswahl von Tagesmutter, Kindergarten oder Spielkameraden vermeiden, dass eine Sprache die Oberhand gewinnt (starke Sprache) und die andere (schwache) Sprache unterdrückt. Dieses Ungleichgewicht wird durch einen Partner, der beruflich viel unterwegs ist, schnell hervorgerufen. Mit einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Sprachen geht ihr vielen späteren Problemsituationen von vornherein aus dem Weg.
Wohl fühlen werdet ihr euch mit „eine Person, eine Sprache“ jedoch nur, wenn jeder zumindest ein wenig die Sprache des Partners versteht. Wird einer von euch von der Kommunikation zeitweise komplett ausgeschlossen besitzt eure Spracherziehung Konfliktpotential. Gerade bei gemeinsamen Ausflügen, beim Essen oder Spielen will man die Gemeinschaft in der Familie genießen. Die Situation, nicht einmal den Gesprächen des Partners mit dem Kind folgen zu können, ist im alltäglichen Leben eine sehr große Einschränkung.

Aber was hindert einen Partner daran, zeitgleich mit dem Kind ebenfalls zumindest die Grundkenntnisse der zweiten Sprache zu erlernen?

Familiensprache und Umgebungssprache

Ihr sprecht in der Familie eine andere Sprache als eure Umgebung (Landessprache). Auch hier erkennen die Kleinen die Sprachgrenze schnell.

Kurze Checkliste, ob diese Strategie bei euch erfolgreich sein wird:
– Vater und Mutter sprechen beide die gleiche Muttersprache, welche nicht Umgebungssprache ist
– Vater und Mutter sprechen die Umgebungssprache vielleicht gut, aber nicht ganz fehlerfrei

In diesem Fall bietet sich an, als Familiensprache die Muttersprache der Eltern zu wählen. Das Niveau, das euer Kind in eurer Muttersprache erreicht bevor es in den Kindergarten geht, hat großen Einfluss auf das Niveau, das es in der Umgebungssprache erreichen wird.
In den ersten Jahren wird die Familiensprache die starke Sprache sein, was jedoch im Laufe der Zeit meist umkippt. Durch immer mehr Kontakte zu Kindern, welche die Umgebungssprache benutzen, überholt die anfangs schwächere Umgebungssprache oft schon vor Schulbeginn die Familiensprache.
Bei dieser Strategie hat das Kind ebenfalls die Möglichkeit, seine erste Sprache sauber und intensiv zu lernen. Dies ist für die gesamte Sprachentwicklung empfehlenswerter als wenn einer der Eltern die Fehler seiner Fremdsprachenkenntnisse überträgt.

Fremdsprache weitergeben

Zumindest einer von euch spricht eine Fremdsprache und möchte sie an das Kind weitergeben.

Kurze Checkliste, ob diese Strategie bei euch erfolgreich sein wird:
– die „Fremdsprachenkenntnisse“ sind so gut, das die Sprache nicht mehr als fremde Sprache empfunden wird
– derjenige, der seine Fremdsprache weitergeben möchte, ist ein sehr geduldiger Mensch und hat sich gut im Griff

Selbstverständlich kann jeder eine Fremdsprache an sein Kind weitergeben. Knackpunkt bei dieser Strategie ist jedoch, welches Sprachniveau das Kind erreichen wird.
Wer eine Fremdsprache im Urlaub oder auf der Arbeit nutzt, muss diese noch lange nicht beherrschen. Wie ausdrucksstark oder eingeschränkt ist der Vokabelschatz wirklich? Wie stark lehnt man Grammatik und Wortwahl an das Deutsche an? Beherrscht man die Sprache auch unter Stress?
Damit diese Strategie aufgeht, musst du oder dein Partner bereit sein, die bereits sehr guten Fremdsprachenkenntnisse begleitend auszubauen – durch Lesen, Radio, Hörbücher oder Auslandsaufenthalte. Die Fremdsprache wird in eurem Familienleben einen hohen Stellenwert bekommen, falls sie diesen nicht bereits hat.

Mit der bewussten Entscheidung für eine dieser drei Strategien fahrt ihr einen sicheren Weg. Eine Vorstellung von teils holprigen Nebenstrategien liefere ich euch im zweiten Teil.

Rainer

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 1. November 2008 um 18:30 und abgelegt unter Grundlagen. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

3 Kommentare über “Mehrsprachige Erziehung – Strategien Teil 1”

  1. Ulli schrieb:

    Hallo,

    vielen Dank erst einmal für eure wirklich informative Seite.

    Nun will ich euch mal unsere Familien-/Sprachsituation schildern:
    Ich bin deutsche Muttersprachlerin aus Deutschland. Der Papa ist englischer Muttersprachler aus Québec, also der französischsprachigen Provinz Kanadas.
    Beide haben wir mehrere Jahre in Frankreich verbracht, wo wir uns auch kennenlernten. Dort konnte ich mein Französisch auf ein sehr gutes Niveau verbessern. Habe dort auf französisch eine Ausbildung gemacht und auch dort gearbeitet und hatte nur französische Freunde. Der Papa hatte französisch schon in der Grundschule gelernt, er spricht französisch fließend, macht aber trotzdem einige Grammatikfehler (ich muss ihn öfters mal korrigieren). Dafür hat er keinen Akzent, nur den Quebecakzent. Dadurch, dass wir uns in Frankreich kennen gelernt hatten, war unsere Kommunikationssprache seit jeher französisch.
    Nun haben wir ein Kind bekommen. Dies lebte die ersten 8 Monate in Deutschland. Danach zogen wir nach Kanada. Wir leben in einem Stadteil, wo hauptsächlich Englisch gesprochen wird, aber es gibt auch viele Frankophone. Seit knapp 2 Monaten geht unser Kind (20 Monate) nun in die Krippe. Die erste Krippe war französischsprachig, dann mussten wir wechseln. Nun ist es wieder Englisch.
    Ich rede den ganzen Tag deutsch mit meinem Kind, der Vater abends Englisch, da er aber deutsch lernen will, schiebt er immer mal einen deutsch Satz rein, der meistens aber viele Fehler enthält. Ich verbessere ihn dann.

    Nun zu meiner eigentlichen Frage: Bisher hatte ich mir eigentlich keine Sorgen gemacht, dass unser Kind auch französisch mitbekommt. Aber nun kam mir folgender Gedanke: Zwar reden Papa und ich französisch untereinander, auch wenn das Kind dabei ist, aber sobald wir uns mit ihm beschäftigen wechselt jeder meistens automatisch in seine Muttersprache. Das Kind wird also kaum direkt auf französisch angesprochen. Meint ihr, es lernt das trotzdem so nebenbei? Falls nicht, wie könnte man den französischen Teil einbauen, ohne das Kind jetzt komplett zu verwirren und damit es für das Kind authentisch wirkt? Könnte ich jetzt zB anfangen unter der Woche täglich eine Stunde mit ihm französisch zu reden? zB beim Spielen am Nachmittag. Oder ist er dann verwirrt, weil er nur deutsch kennt, wenn er mit Mama allein zu Haus ist? Oder könnte ich den Tag so aufteilen, frühs vor der Kita nur deutsch, nach dem Abholen nur französisch? Ich denke mir, wenn ich das eine Weile mache, könnte er sein französischverständnis aufholen und hätte dann auch kein Problem mehr, wenn wir Erwachsenen uns auf französisch unterhalten. Was meint ihr dazu?

    PS: Momentan spricht er noch fast gar nichts. Er plappert sehr viel in Babypsrache und ist auch sehr kommunikativ und demonstrativ, aber richtige Wörter konnten wir bis jetzt kaum identifizieren. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass er uns versteht, weil er Aufforderungen in deutsch und englisch folgen kann, wenn er will. Auch französisch hat er laut erster Krippe verstanden, nun weiß ich aber nicht, ob er es erst dort gelernt hat, so oft war er aber auch nicht da, aller 2 tage mal 3 stunden. oder hat er das wirklich zu hause mitbekommen?

    Danke für eure Ratschläge

    LG

  2. Rainer Prinz (admin) schrieb:

    Hallo Ulli,

    erst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurer Situation! Beide Eltern sprechen zwei Sprachen fließend, und sogar eure Umgebung ist nicht allein auf eine Sprache fixiert. Das sind schon mal sehr gute Voraussetzungen!

    Nun zu deiner Frage: zu bestimmten Zeiten die Sprache zu wechseln ist machbar, aber du wirst mit hoher Wahrscheinlichkeit nach einiger Zeit merken, dass du selbst deinem Kind gegenüber eine Sprache bevorzugst und der/die Kurze sich dir gegenüber auch oft auf eine Sprache festlegen wird.

    Ich würde die „Last“ an deiner Stelle nicht alleine Schultern, denn bald schon kommt euer Nachwuchs in ein Alter, wo es an Krabbelgruppen, Kinderturnen, u.ä. teilnimmt oder auch mal von einem Kindermädchen betreut wird. Und später kommt der Kindergarten und die gegenseitigen Besuche der Kinder untereinander.
    Wenn ihr dieses zukünftige Umfeld so auswählt, dass das Kind wöchentlich regelmäßig Kontakt auch mit gleichaltrigen französischsprachigen Kindern bekommt, habt ihr tatkräftige Unterstützung.

    Wenn euer Kind dann noch mitbekommt, dass ihr beide ebenfalls Französisch sprecht, wird diese Sprache als dritte Sprache eures Kindes gut integriert.

    Ich wünsche euch viel Erfolg!

    Herzliche Grüße,
    Rainer

  3. ulli schrieb:

    Vielen Dank Rainer für deine Antwort. Ja, ich habe auch schon gemerkt, dass ich natürlich eher dazu tendiere deutsch mit meinem Kind zu reden. Manchmal rede ich es auf französisch an, wenn ich zB will, dass der Papa auch versteht, was ich dem Kind grad sage. Aber wenn ich mit meinem Kind allein bin und französisch rede, kommt mir das irgendwie gekünstelt vor, obwohl die Sätze an sich ja korrekt sind. Und ich denke, wenn die Sprache nicht authentisch vermittelt werden kann, dann hat das auch keinen Sinn. Dann lieber mit dem Papa zusammen. Da hat zwar jeder seinen Akzent, aber da wird die Sprache wenigstens vorgelebt. LG Ulli

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