mehrsprachig Aufwachsen

ein Blog für mehrsprachig erziehende Eltern

Klare Vorstellungen sind die halbe Miete!

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Ihr beschäftigt euch mit dem Gedanken, euer Kind mehrsprachig aufwachsen zu lassen?

Oder seid ihr bereits ein Stück des Weges gegangen, einen waschechten Europäer großzuziehen, der mehr als nur eine Sprache und Kultur kennen lernt?

Auf dem Weg zu einer mehrsprachigen Erziehung werden immer wieder Fragen, Zweifel und Probleme auftauchen. Manch einer aus Familie oder Freundeskreis wird euch ungefragt seine Zweifel an eurer Erziehung vor die Füße werfen.

Seid ihr darauf vorbereitet? Ist euch klar, was ihr wirklich erreichen wollt? Halt und Sicherheit gibt euch eine intensive Auseinandersetzung mit den nachfolgenden Fragen:


Warum wollt ihr mehrsprachig Erziehen?

Sprecht mit eurem Partner darüber, warum ihr euer Kind mehrsprachig erziehen wollt. Habt ihr beide die gleichen Ziele? Vielleicht ist eure binationale Ehe der Auslöser oder euer eigenes Interesse an Fremdsprachen. Ist euch auch die Vermittlung einer weiteren Kultur wichtig oder nur die Sprache? Seht ihr die Mehrsprachigkeit als allgemeine Bereicherung fürs Leben, als Vorteil für die berufliche Zukunft, als einmalige Gelegenheit, als optimale Vorbereitung für Schule und Ausbildung? Wie erklärt ihr einem Aussenstehenden in maximal drei Sätzen, warum ihr das tut?

Wer spricht was mit dem Kind?

Wer wird dem Kind welche Sprache beibringen? Nutzt jeder von euch seine Muttersprache, so das euer Kind die Sprachen akzentfrei lernt? Reichen bei der Vermittlung einer Fremdsprache die eigenen Kenntnisse? Seid ihr euch bewusst, das ihr euch bei der Vermittlung eurer Fremdsprache unwohl fühlen werdet, weil ihr eure Gefühle eurem Kind gegenüber nicht so ausdrücken könnt wie in eurer Muttersprache? Wollt und könnt ihr gar mehr als zwei Sprachen vermitteln? Oder nutzt ihr eine landesfremde Familiensprache und übergebt die Zweitsprache in fremde Hände (Tagesmutter / Kindergarten / Schule) ?

Welches Niveau soll euer Kind erreichen?

Soll euer Kind beide Sprachen gleichwertig sprechen, lesen und schreiben können? Oder stellt ihr euch von Anfang an auf eine starke und eine schwache Sprache ein? Was, wenn es mit der Zeit die schwache Sprache ablehnt, bevor es das von euch gesetzte Niveau erreicht hat?

Welche Möglichkeiten nutzt ihr zur Sprachvermittlung?

Regelmäßiger Sprachgebrauch beider Sprachen ist unabdingbar. Haltet ihr eure Familiengespräche für ausreichend? Habt ihr die Zeit, um regelmäßig Vorzulesen? Wie sinnvoll erscheinen euch Hörbücher oder Fernsehen als Hilfsmittel? Welche Spielsachen und Spiele zur Spracherziehung können unterstützen? Ist euch der Kontakt zu anderen Muttersprachlern mit Kindern wichtig? Habt ihr diese Kontakte bereits oder müssen sie noch aufgebaut werden?

Wann und Wo wird welche Sprache gesprochen?

Wie geht ihr mit Ausnahmen um, in denen ihr bereit seid von euren Regeln abzuweichen? Was ist beispielsweise, wenn einsprachiger Besuch kommt oder ihr einsprachige Familien besucht? Welche Sprache werdet ihr in der Öffentlichkeit (z.B. im voll besetzten Aufzug) nutzen? Wollt ihr eine Sprache an eine bestimmte Tätigkeit, ein Hobby oder eine Uhrzeit binden?

Ihr helft eurem Kind mit erkennbaren Regeln und Ausnahmen, wann in eurer Familie welche Sprache benutzt wird.

Ihr merkt bereits, dass eine Flut von Fragen im Laufe der mehrsprachigen Erziehung auftauchen werden. Auch wenn ihr bereits die ersten Hürden genommen habt – es lohnt sich die intensive Auseinandersetzung mit diesen Fragen.

Ziele und Lebensumstände können sich ändern, und somit auch eure Antworten. Sie sind nicht in Beton gegossen. Anpassungen können jederzeit diskutiert und beschlossen werden wenn neue Umstände dies erfordern. Aber eine gewisse Stabilität ist für eine problemarme Spracherziehung unabdingbar! Könnt ihr diese Fragen nicht gemeinsam klären, flammen immer wieder Grundsatzdiskussionen auf. Im schlimmsten Fall im Beisein eurer Kinder.

Zu vielen Fragen werde ich euch in kommenden Artikeln Hintergrundinformationen und mögliche Antworten liefern. Bedenkt jedoch, das eure Familiensituation in vielerlei Hinsicht einmalig ist. Es bleibt immer Abzuwägen, ob Regeln, die sich mehrfach bei anderen Familien bewährt haben, auch eins zu eins zu eurer Situation passen.

Ich wünsche euch viel Spaß an eurem Nachwuchs und den Aufgaben, die euch erwarten!

Rainer Prinz

ps: Lasst euch nicht von den Meinungen anderer leiten. Bestimmt eure Ziele selbst!

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 23. Oktober 2008 um 16:05 und abgelegt unter Grundlagen. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

6 Kommentare über “Klare Vorstellungen sind die halbe Miete!”

  1. Pascal schrieb:

    Hallo zusammen,

    wir sind jetzt auch seit 6 Wochen Eltern und möchten unser Kind Zweisprachig erziehen. Leider sind bei uns die Vorraussetzungen nicht optimal. Ich bin zwar Halbfranzose und meine Frau ist Halbitalienierin, aber leider haben wir keine Zweisprachige-Erziehung erhalten. Meine Frau spricht und versteht italienisch ganz gut, aber bei weitem nicht perfekt und ich bin erst seit fast einem Jahr am müsamem lernen…
    Wir haben uns dazu entschieden unserem Sohn als zweite Sprache italienisch beizubringen bzw. beibringen zu lassen.
    Würde gerne wissen was ihr von unserer Planung haltet.Da OPOL nicht möglich ist, hab ich mir es so überlegt: Abends wenn ich nach Hause komme und den kleinen wickel/wasche/anziehe hören wir zusammen meine LernCD´s und ich spreche die mir bekannten Sätze mit. Das ist dann jeden Tag so 30 bis 60 min. Dann gehen wir zusammen den Körper auf italienisch durch oder ähnliches. Da meine Frau in einem Jahr wieder zu arbeiten beginnt, wird unserer Kleine dann in eine Kita gehen. Wenn alles klappt kommt er in eine deutsch/italienische, in welche er bis zur Schule gehen kann. Da es auch eine italienisch/deutsche Schule bei uns in der Nähe gibt, wird er dann wohl dort hingehen.
    Verwandschaft ist auch genügend in Italien vorhanden, die auch fast nur italiensch sprechen. Und da wir Land + Leute lieben reisen wir regelmäßig dorthin.
    Ich hoffe natürlich das meine Sprachkenntnisse noch besser werden, damit ich meinen Sohn auch immer verstehen + helfen kann. Sein Opa, welcher in der Nachbarschaft wohnt und Italiener ist wird uns unterstützen und nur italienisch mit ihm sprechen.

    Also, was haltet ihr von diesem „vorgehen“?

    Gruß

  2. admin schrieb:

    Hallo Pascal,
    Ferndiagnosen sind schwer, trotzdem einige Tipps und Hinweise zu deiner Situation:

    – Wie gut sind die Sprachkenntnisse deiner Frau wirklich?
    Wenn sie Halbitalienerin ist und Italienisch in den ersten Jahren gesprochen hat kann es durchaus sein, dass sie zwar mittlerweile nicht mehr perfekt Grammatik und Vokabelschatz beherrscht, aber akzentfrei Vorlesen kann. Wenn das so ist – Glückwunsch! Wenn deine Frau das erste Jahr täglich etwas vorliest hat euer Nachwuchs einen guten Einstieg in seine mehrsprachige Entwicklung.

    – Wie steht es um deinen Akzent im Italienischen?
    Wenn du gerade erst italienisch lernst würde ich es lassen, deine ersten Sätze dem Kleinen vorzulesen. Es ist im ersten Jahr auch gar nicht notwendig (von der Entwicklung des Sprachzentrums aus gesehen). Besorgt euch Kinderhörbücher/Märchenbücher auf italienisch, die von sanften Stimmen gelesen werden (Keine für Jugendliche, da sind meist Action/Grusel/Knallgeräusche drin. Euer Kleiner lernt im ersten Jahr allein durch hören! Dabei braucht er das gehörte noch nicht zu verstehen, sondern nur den Klang und die Aussprache der italienischen Sprache aufzunehmen.

    – mehrsprachige Kita ist ne sehr gute Idee, wenn die täglichen Fahrtzeiten sich im Rahmen halten.

    – Um den Opa werden euch viele andere mehrsprachig erziehende Eltern beneiden. Wenn ihr das hinbekommt, das er 2-3 mal die Woche dem Enkel eine halbe Stunde vorliest, lernt der Kurze den lokalen Akzent eurer Familie gleich mit. Im Spiel sprechen wir alle (auch der Opa) anders zu einem Baby – höhere Stimmlage, langsamer, verniedlichend, sehr melodisch und betonend. Deshalb würde ich den Opa mal fragen, ob er nicht gerne was vorliest – dann redet man „etwas“ normaler.

    Wenn euer Kind später auch akzentfreies Englisch oder Spanisch sprechen soll, schau bitte ende April nochmal bei http://www.mehrsprachigAufwachsen.de vorbei. Wir arbeiten gerade in den letzten Zügen an unserem Produktpaket für mehrsprachig erziehende Eltern. Nur soviel – die Autoren waren begeistert, die Hörbucheinsprecherinnen (immer Muttersprache) sind mit ihrer Arbeit fertig, das Mastern der Geschichten im Tonstudio ist fertig, am Begleitbuch schreibe ich gerade die letzten zwei Kapitel (wird schon Korrekturgelesen) und die Zeichnerin hat mir Anfang dieser Woche eine ganze Serie von Skizzen für die farblichen Illustrationen vorgelegt.

    Lange dauert es nicht mehr, dann ist ein speziell auf die Bedürfnisse mehrsprachiger Kindererziehung zugeschnittenes Komplettpaket fertig.
    (deshalb komme ich hier im Blog auch gerade wenig zum schreiben)

    Grüße, Rainer

  3. Pascal schrieb:

    Hallo Rainer,

    vielen Dank erstmal für deine Antwort bzw. Tipps.
    Meine Frau kann leider nicht akzentfrei Vorlesen, somit werden wir wohl auf die Hörbücher zurückgreifen.
    Bzw. werde ich den Opa mal fragen, ob er zusätzlich das 2 mal die Woche machen würde. Ist auf jeden Fall eine gute Idee.
    Der Weg zur Kita ist keine als zu lange Fahrt von daher sollte das kein Problem sein.

    Schade, dass es kein „Produkt“ für italienisch in Planung ist! 🙂

    Vielen dank und mach weiter so mit dieser tollen Seite.

    Grüße, Pascal

  4. Martina schrieb:

    Ihr könnt den Opa ja auch auf Kassette aufnehmen – ich weiß, das ist altmodisch. Funktioniert aber. Unsere Kids bekommen auch Kassetten von der Verwandschaft in Deutschland, die sind oft besser als Hörbücher 🙂

  5. risando schrieb:

    Als Vater einer zweisprachig aufwachsenden (fast 8 Jahre alten) Tochter habe ich die Erfahrung gemacht, dass der unmittelbare Kontakt mit einer lebendigen Person am meisten weiterhilft. Zumindest bei uns ist es so, dass unsere Tochter Hörbücher generell nicht mag, sowohl in der einen als auch der anderen Sprache. Zwar unternehmen wir alle paar Monate immer neue Versuche, ihr das „Hören“ schmackhaft zu machen, aber die Erfolge sind recht bescheiden. Bei uns steht, was den Einsatz von Medien angeht, nach wie vor das Vorlesen an erster Stelle. Langsam wird es durch die eigene Lektüre ergänzt. An zweiter Stelle steht medienmäßig Fernsehen/DVD.

    Da ich mich an einem polnischen Diskussionsforum zum Thema mehrsprachige Erziehung intensiv beteilige, weiß ich, dass jedes Kind anders ist und es durchaus kleine Mehrsprachler gibt, die Hörbücher lieben. Man sollte kreativ sein und verschiedene Wege beschreiten.

    Ich finde es gut, dass hier im Blog die Bedeutung der ersten Lebensjahre besonders hervorgehoben wird. Auch ich bin der Ansicht, dass man bereits ab dem ersten Lebenstag an intensiv (und als Vertreter der Nicht-Umgebungssprache vielleicht sogar auf eine Außenstehenden übertrieben entstehende Weise) mit dem Baby reden sollte. Man sollte dabei daran denken, sehr deutlich zu sprechen, weil Schwächen der eigenen Aussprache ans Kind weitergegeben wird, besonders wenn man der einzige Sprecher der jeweiligen Sprache im Umfeld des Kindes und dadurch die Hauptquelle für den Spracherwerb darstellt.

    Eine intensive Beschäftigung besonders in den ersten Lebensjahren ist auch deshalb wichtig, weil mit Eintritt des Kindes in den Kindergarten (spätestens mit der Einschulung) nicht nur der eigene Terminkalender, sondern auch der des Kindes von Bedeutung ist. Außerschulische Aktivitäten, Treffen mit Freunden etc. können dann einen erheblichen Teil der Freizeit einnehmen, so dass die generell verfügbare Zeit für die Kommunikation Eltern-Kind knapper wird.

    Schöne Grüße aus Polen:-)

    risando

  6. risando schrieb:

    Sorry, ich habe zu schnell auf absenden geklickt. Hier noch einmal der vorletzte Absatz:

    Ich finde es gut, dass hier im Blog die Bedeutung der ersten Lebensjahre besonders hervorgehoben wird. Auch ich bin der Ansicht, dass man bereits ab dem ersten Lebenstag an intensiv (und als Vertreter der Nicht-Umgebungssprache vielleicht sogar auf eine Außenstehenden übertrieben erscheinende Weise) mit dem Baby reden sollte. Man sollte dabei daran denken, sehr deutlich zu sprechen, weil Schwächen der eigenen Aussprache ans Kind weitergegeben werden, besonders wenn man der einzige Sprecher der jeweiligen Sprache im Umfeld des Kindes ist und dadurch die Hauptquelle für den Spracherwerb darstellt.

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